FARBLICHE ABWEICHUNGEN BEI GLASFASSADEN

Wer große Glasflächen plant, hat dabei meist eine Vorstellung ihrer farblichen Anmutung. Allerdings hängen Farbe und Wahrnehmung von Gläsern von vielen Faktoren ab. Ralf Vornholt, Technisches Marketing von SAINT-GOBAIN Building Glass Deutschland, Österreich, Schweiz, erläutert, welche Parameter die Farbgestaltung von Glasfassaden beeinflussen.

Große Glasfassaden werden grundsätzlich sehr intensiv wahrgenommen. Deshalb spielt ihre Farbgebung eine wichtige gestalterische Rolle. Die Realisierung der gewünschten Farbe und die farbliche Homogenität großer Glasflächen stellen Planer häufig vor Probleme. Warum das so ist, klärt ein Blick auf die technischen Eigenschaften von Gläsern; denn diese wirken sich stark auf das Erscheinungsbild aus. So entsteht beispielsweise Farbe nicht nur durch Farbkörper: Neben der Eigenfarbe des Glases wird sie auch durch die Reflexion des Lichts an den Glasschichten und Beschichtungsebenen hervorgerufen. Deren Abfolge und Schichtdicke bestimmen also letztlich die Farbwirkung entscheidend mit.

So wird deutlich, dass bauphysikalische Größen direkten Einfluss auf die Farbwirkung haben. Denn Glasschichten und Beschichtungen bestimmen maßgeblich den Wärmedurchgangskoeffizienten, den Gesamtenergiedurchlass- und Lichttransmissionsgrad, die Reflexion und das Luftschall-Dämmmaß. Auch die Statik und sicherheitstechnische Vorgaben müssen einkalkuliert werden, weil die dadurch definierte Glasdicke die Farbwirkung ebenfalls beeinflusst.

Subjektive Farbwahrnehmung
Erschwerend kommt hinzu, dass die menschliche Farbwahrnehmung sehr subjektiv ist. Unser Farbgedächtnis arbeitet recht unzulänglich, Farbeindrücke werden vom Gehirn mit Erfahrungswerten verglichen. Farbe ist im Labor zwar objektiv messbar – als Auswahlkriterium helfen Messwerte jedoch nur bedingt, da eine neutrale Bewertung des Farbempfindens nicht möglich ist. So ist die Helligkeitsempfindlichkeit des Auges im grün-gelblichen Bereich am größten, während im kurzwelligen blau-violetten und langwelligen tiefroten Bereich das Sehvermögen begrenzt ist. Zusätzlich beeinflussen der Abstand des Betrachters, seine relative Position zum Objekt und die Farbe der Umgebung die Farbwahrnehmung.

Den Auswahlprozess steuern
Planer stehen deshalb oftmals vor einem Dilemma. Sehr häufig muss ein Kompromiss zwischen farblicher Idealvorstellung und den technischen Möglichkeiten von Gläsern gefunden werden. Mit den bauphysikalischen Eigenschaften wie Wärmedämmung, Lichttransmission und Energiedurchlassgrad stehen Größen zu Beginn des Auswahlprozesses fest, die vom Planer nicht oder in nur sehr geringem Maße beeinflussbar sind. Diese Parameter bestimmen meist die Glasdicke sowie Art und Lage der Beschichtungen. Die Farbe der reflektierten Umgebungsflächen, der Betrachtungswinkel und die Helligkeit des hinter der Glasschicht liegenden Raums sind ebenfalls kaum beeinflussbar. Dennoch haben auch sie großen Einfluss auf die Farbwahrnehmung.

Wegen der hohen Komplexität des Auswahlprozesses ist es sinnvoll, frühzeitig einen Objektberater des Glasherstellers einzubeziehen. Aufgrund der bauphysikalischen Gegebenheiten und mit den Vorgaben des Lichtplaners kann in einem gemeinsamen Prozess ein Glas gefunden werden, das der ästhetischen Vorstellung von Architekten und Bauherrschaft am nächsten kommt. Idealerweise ist sich der Planer bereits im Vorfeld über die technischen Grundanforderungen, Farbneutralität oder Farbgebung und Reflexionsverhalten im Klaren. Mit eigens dafür entwickelter Software können Renderings generiert werden, die eine Vorauswahl geeigneter Gläser zulassen. Eine Besichtigung vor Ort klärt die bauliche Situation und die räumliche Lage des Objekts, um Umgebungseinflüsse mit einbeziehen zu können. Bei großen Objekten empfiehlt es sich dringend, die Farbwirkung mit dem Mock-up eines Fassadenelements im Originalmaßstab an Ort und Stelle zu überprüfen. Wichtig für ein einheitliches Erscheinungsbild ist auch, dass das gewählte Glas aus ein und derselben Produktionscharge stammt. Andernfalls kann es zu sichtbaren Farbabweichungen innerhalb der Fassadenfläche kommen.

Spezialfall Bestandsgebäude
Ein Spezialfall ist gegeben, wenn Altgläser von Bestandsbauten teilweise ausgetauscht werden müssen. Dabei ist zu klären, welcher Glastyp eingebaut ist beziehungsweise ersetzt werden soll. Ist das nicht möglich, kann die Auswahl nur über eine subjektive Beurteilung erfolgen. Sobald allerdings Gläser eines anderen Herstellers eingebaut werden, ergeben sich in der Regel deutliche Abweichungen in Farbe und Reflexionsverhalten. Da eine Nachproduktion von Basisgläsern oder Beschichtungen meist unwirtschaftlich oder technisch nicht mehr möglich ist, sollten wenn möglich stets ganze Fassadenabschnitte auf einmal ausgetauscht werden.

 

Bild: © Christoph Seelbach

  

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