1. März 2022

Nachhaltiges Bauen und Wohnen der Zukunft

Wohnen in der Stadt wie im Grünen – die eierlegende Wollmilchsau?

Das Einfamilienhaus ist die häufigste Form des Grundbesitzes der Privathaushalte in Deutschland: Rund 16 Millionen Menschen lebten im Jahr 2020 im eigenen Häuschen. Auch unsere Nachbarn in Österreich und der Schweiz träumen vom Heim mit Garten im Grünen. Doch der Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern verbraucht im Verhältnis zur Bewohnerzahl viel Fläche, kostet viel Energie, treibt die Bodenversiegelung voran und zersiedelt zu viel benötigten Erholungsraum im Umland der Städte. Wie aber könnte das Wohnen der Zukunft aussehen: Hochhaus, Massenwohnbau oder schwimmende Städte und welchen Beitrag leisten dazu moderne Isoliergläser? Ein Blick auf aktuelle Entwicklungen und Trends in Architektur, Planung und Glasindustrie.

 

Luftbildaufnahme eines typischen deutschen Neubaugebietes mit freistehenden Ein- und Zweifamilienhäusern in der Nähe einer größeren, in der Ferne erkennbaren Stadt. Die Hausdächer haben blockweise ziegelfarbige oder blau-schwarze Dächer.
×

Viele Österreicher und Deutsche wünschen sich ein eigenes Häuschen im Grünen. Die Folge: Im Speckgürtel vor Städten gelegene Schlafstädte, wenig nachhaltig und mit hohem Anteil an Flächenversiegelung © Shutterstock/Canetti

Das Einfamilienhaus sei ein Irrtum des 20. Jahrhunderts, sagt der österreichische Architekt Fritz Matzinger. Denn „die Wohnform des Einfamilienhauses trägt wenig bis gar nichts zum sozialen Lernen von Kindern bei und fördert bei alten Menschen die Vereinsamung.“ Stattdessen fordert er: „Architekten sind dringend aufgerufen, experimentelle und fantasievolle Wohnkonzepte zu entwickeln, die geeignet sind, die Menschen von der herrschenden Alternativlosigkeit zwischen Massenwohnbau und Einzelhaus zu befreien.“ Matzinger ist mit seiner Kritik am Einfamilienhaus nicht allein. Als der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Anton Hofreiter, Anfang des Jahres 2021 die Sinnhaftigkeit von Einfamilienhäusern zur Diskussion stellte, brach ein teils polemischer, wütend geführter Proteststurm los, Tenor: Die Grünen wollen den Deutschen ihre liebste Wohnform verbieten. Allerdings sprach Hofreiter nur das aus, womit sich Städteplaner, Architekten, Ökonomen, Gesellschaftswissenschaftler und viele andere schon seit Jahren beschäftigen: Sind Ein- und Zweifamilienhäuser in Zeiten des Klimawandels noch eine adäquate Wohnform? Welche ist die klimafreundlichste Art zu wohnen? Wie schaffen wir ausreichend finanzierbaren Wohnraum? Wie sollen künftige Wohnungen in der Stadt aussehen – und welches ist die zukunftsfähigste Wohnform auf dem Land?

Stadt-Land-Gefälle beim Flächenverbrauch

Ein Blick auf den Flächenverbrauch beim Bauen in der Stadt und auf dem Land zeigt ein eklatantes Ungleichgewicht: In ländlichen Gebieten mit Orten unter 2.000 Einwohnern entfallen 1.545 m2 Fläche auf einen Bewohner, in Großstädten mit über 500.000 Einwohnern sind es dagegen nur 219 m2/Person. Hinzu kommt der sogenannte „Donut-Effekt“ auf dem Land: Im Umkreis von ehemals intakten Kleinstädten und Dörfern angesiedelte Neubaugebiete führen zur Verödung der Innenstädte bzw. Ortskerne, in denen Geschäfte des täglichen Bedarfs schließen, infolgedessen bestehende Wohnungen unattraktiv werden und leer stehen. Wie kann diese Entwicklung gestoppt werden? Ideen gibt es viele: „Enteignet die Immobilienkonzerne“ fordert die Berliner Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“. „Macht aus Mietern Eigentümer“ sagt dagegen Zukunftsforscher Daniel Dettling und plädiert für eine grundlegende Reform der Grunderwerbssteuer, eine steuerliche Absetzbarkeit der Tilgungszinsen von Baudarlehen, eine Senkung der Mehrwertsteuer beim Bau und Erwerb von Immobilien usw. Andere sehen in der räumlichen Verknüpfung – sowohl in der Stadt als auf dem Land – von Wohnen und Arbeiten die einzige Lösung. Andere Stichwörter sind „zirkuläres Wachstum“, also Weiterentwicklung des Vorhandenen, denn gemischt genutzte Projekte seien nachhaltiger und resilienter, und „Bauen auf Zeit“ – also temporäre Wohngebäude. Oder, um ein letztes Beispiel zu bemühen, Ressourcenschonung durch die Konversion von Büro- in Wohnhochhäuser, die bei geringer Flächenversiegelung zusätzlichen Wohnraum schaffen können. Denn generell könnten Wohnhochhäuser „in einer dicht bebauten, nachgefragten Stadt auch [..] den Preisdruck vom freien Wohnungsmarkt nehmen,“ wie Architektin Claudia Meixner in der DBZ sagte.

Und welche Rolle spielt dabei Glas?

Wohnbau der Zukunft ohne Klimaschutz zu denken ist – undenkbar. Genauso undenkbar ist, energiesparenden Wohnbau ohne Glas zu denken, denn multifunktionale Gläser sind mittlerweile unverzichtbar für den Klimaschutz und modernes Wohnen – dies zeigen auch die vielen Beispiele in der glasklar [z.B. das Special „Tageslicht & Wohlbefinden“ und in diesem Special]. So kann „Isolierglas […] jetzt schon Schallschutz, Sicherheit, Wärme- und Sonnenschutz bieten. Die kurzfristige Zukunft liegt darin, diese Leistungen auch im Rahmen der Nachhaltigkeit zu bieten,“ erläutert Jürgen Künsting, Produktmanager Sicherheits- und Lärmschutzgläser von Saint-Gobain Building Glass Deutschland im Interview. Ein Weg zu mehr Nachhaltigkeit sieht Christian Baartz, in Leichtgläsern, die bei vergleichbaren glastechnischen Kennwerten besonders schlanke und leichte Verglasungen ermöglichen. Der geringere Materialeinsatz reduziert die CO2-Emissionen für die Verglasung um rund ein Viertel und leistet einen unmittelbaren Beitrag zur Nachhaltigkeit [mehr zu Leichtgläsern hier].

Hochleistungsgläser im Fokus

Wie die Gebäudehülle und damit das Glas der Zukunft aussieht, diskutierten zum Beispiel die Redner der Conference on Advanced Building Skins 2021 in Bern durchaus kontrovers, wie in der GFF 1/2022 nachzulesen ist. So stellte Benjamin Beers, Facade Director bei Werner Sobek in Dubai, in seinem Eröffnungsvortrag in Frage, wie natürlich das Licht ist, das durch heutige moderne Verglasungen fällt, und ob es sich dabei um das Leistungsspektrum handelt, das der Mensch benötigt. „Die Glasindustrie legt den Fokus darauf, die Lichttransmission im sichtbaren Bereich zu maximieren und den Energiedurchlass, also den g-Wert, zu minimieren,“ so Beer. Aber seien aktuelle Hochleistungsbeschichtungen ohne Infrarotstrahlen der richtige Weg? Mögliche Lösungen sieht er zum Beispiel in schaltbaren Verglasungen ohne selektive Beschichtung [Quelle: GFF 01/2022, S. 44 ff].

Für Irina Hausstetter vom ift Rosenheim bleibt „die technische Weiterentwicklung des Isolierglases (…) spannend, denn mit dem druckentspannten Isolierglas (DEMIG) und dem Vakuumisolierglas (VIG) sind zwei vielversprechende technische Innovationen in der Entwicklung.“ In ihrer Kurz-Publikation „Isolierglas der Zukunft – welche Technik kommt? Innovationen für Fenster und Fassaden gehen auch in Zukunft vom Glas aus“. Vorteile von druckentspanntem Isolierglas (DEMIG) sieht sie in „Verglasungen mit größeren Scheibenzwischenräumen, die Vorteile (bieten) wie eine bessere Luftschalldämmung, eine leichtere Integration von Bauteilen in den SZR (z. B. Sonnenschutzsysteme), eine reduzierte Glasdicke/-gewicht und eine einfachere Realisierung von Isoliergläsern mit mehr als drei Scheiben.“ Für das Vakuumisolierglas (VIG), dem „Isolierglas der Zukunft“, seien ihrer Meinung nach „einige praktische Probleme noch nicht zufriedenstellend gelöst, beispielsweise die Sichtbarkeit der Abstandhalter, die Vielfalt möglicher Abmessung, Anforderungen an Brandschutz und Sicherheit sowie die langfristige Dichtheit des Systems.“

Zukunftsfähiges Bauen und Wohnen – jetzt!

Auf die Herausforderungen städtischer Wohnungsnot und Flächenknappheit, Umgang mit steigendem Verkehr durch alternative Mobilitätskonzepte, Bedarf nach flexiblen Wohn- und Arbeitsmodellen und Auflösung einseitiger Ausrichtung der Innenstädte auf Handel und Gewerbe gibt es eine Vielzahl von innerstädtischen und ländlichen Antworten. Kritiker bemängeln, es seien zu wenig und es gehe – wegen mangelnder politischer Vorgaben – zu langsam. Vorreiterrollen übernehmen Architekt*innen, Wissenschaftler*innen, Städteplaner*innen und viele andere, die sich intensiv beschäftigen mit Rückbesinnung auf regionale Baumaterialien und regionale Bauweisen, Erforschung neuer Baustoffe wie Bauziegel aus Pilzen statt Beton, verstärktem Einsatz schlanker Bauweisen (Skelettbauten), um mehr Wohnfläche zu bekommen, Wiederbelebung des Systembaus zur Energie- und Kostenersparnis, neuen Wohnformen wie energieautarke schwimmende Häuser, extremer Nachverdichtung im städtischen Raum, Passiv- statt Energiesparhäuser und vieles mehr. „Der Bestand ist dabei Teil der Lösung“, sagt Architektin Yasemin Utken und meint damit die „Massen von Einfamilienhäusern, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs“ entstanden sind. Nachbessern reiche hier nicht, sondern das Thema Stadterneuerung müsse dringend auch „in Einfamilienhäusern gedacht werden.“ Ihr Architektenkollege Christian Holl formulierte es im BDA Denklabor „EFH: Sehnsuchtsort oder schwarzes Klima-Schaf“ drastisch: „Es ist wichtig zur Kenntnis zu nehmen, wie dringend die Situation ist. Ich habe manchmal das Gefühl, die Diskussion ist so, als würde man in einem brennenden Haus sitzen und überlegt, noch ein paar Kerzen anzuzünden.“

Das eine tun, ohne das andere zu lassen: Das Wohnen der Zukunft wird im Zusammenspiel der Anpassung bestehender Strukturen an die Notwendigkeit nachhaltigen Lebens, Wohnens und sich Fortbewegens und der (Weiter-)Entwicklung neuer Technologien und Produkte, die Komfort und Klimaneutralität im besten Fall kombinieren, bestehen. Die Kunst wird dabei darin bestehen, nachvollziehbare Wünsche und Bedürfnisse nach Raum, Individualität und Natur mit häufig als Einschränkungen oder Bevormundungen empfundenen, nachhaltigen und klimaschonenden Konzepten in Einklang zu bringen. Dass das möglich ist, zeigen schon heute existierende Wohnprojekte und Produktenwicklungen – auch beim Glas.

Zum Special „Wohnungsbau & Glas“