14. Juni 2021

Sonnenschutzglas: Funktionen und Fakten

Dem Himmel so nah mit sommerlichem Wärmeschutz

Im Sommer angenehm kühle Räume, die im Winter mollig warm bleiben. Ein Traum? Mitnichten: Dank spezieller Verglasung ist beides möglich. Das kleine Einmaleins der Sonnenschutzgläser

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© olaf rohl / GLASSOLUTIONS

Anders als der Name vermuten lässt, schützt Sonnenschutzglas nicht vor der Sonne per se, sondern nur vor einem Zuviel an Sonnenenergie. Das gesunde Tageslicht dagegen gelangt ins Innere. Lichtdurchflutete Räume und ein angenehmes Raumklima sind das Ergebnis. Doch Sonnenschutzgläser können nicht nur verhindern, dass sich Räume im Sommer übermäßig stark aufheizen: Als Isoliergläser besitzen sie zudem wärmedämmende Eigenschaften – verfügen also neben einem niedrigen Gesamtenergie-Durchlassgrad (g-Wert) ebenfalls über einen sehr guten Wärmedurchgangs-Koeffizienten (U-Wert). Damit ist Sonnenschutzglas streng genommen eigentlich ein Hitzeschutzglas.

Schutz durch Absorption oder Reflexion

Ihre Wirkung entfalten Sonnenschutzgläser durch energetische Absorption oder aber Reflexion. Das klassische gefärbte Absorptionsglas entsteht, wenn bei der Glasschmelze Pigmente wie Eisen- oder Kupferoxid beigemischt werden. Es nimmt die eingehende Sonneneinstrahlung auf und gibt die Energie nur noch in geringem Maß nach innen als Wärme ab; den größten Teil leitet es nach außen zurück. Beim Reflexionsglas dagegen sorgt eine Beschichtung aus Gold, Silber oder Kupfer für einen geringeren Energieeintrag. Auf der Innenseite der äußeren Glasscheibe aufgetragen, reflektiert sie die Wärmestrahlung dahin, wo sie herkommt, lässt aber einen großen Teil der sichtbaren Lichtfrequenzen ins Haus. Der Beschichtungsprozess erfolgt entweder pyrolytisch während der Glasherstellung oder anschließend im Magnetron-Verfahren. Beim pyrolytischen Verfahren werden unmittelbar nach der Glasschmelze Metalloxide auf das noch heiße Glas im Floatbad aufgesprüht. Diese brennen sich in das Glas ein und bilden ein „Hardcoating“, mit dem das Glas problemlos gebogen und thermisch vorgespannt werden kann. Mittlerweile setzen sich zunehmend die im Magnetron-Verfahren aufgebrachten „Softcoatings“ durch. Denn sie ermöglichen es, das Glas sehr dünn, gleichmäßig und präzise mit Edelmetallen zu beschichten – auch in mehreren Lagen. Farbneutralität und Lichttransmission der Gläser sind dabei meilenweit vom Verdunkelungseffekt der ersten Sonnenschutzgläser aus den 1960er-Jahren entfernt.

Beschichtungen filtern ungewünschte Lichtfrequenzen

Die ersten Sonnenschutzgläser bestanden noch aus eingefärbtem Glas. Das senkte zwar die Sonneneinstrahlung, aber auch den Lichteintrag. Darüber hinaus beeinträchtigte diess die Sicht nach draußen und sorgte gerade im Winter für kalte und dunkle Räume. Zum Glück hat sich seitdem einiges getan: Statt das Glas durchzufärben, kommen heute elaborierte Beschichtungen zum Einsatz, die nur bestimmte Frequenzanteile des Lichts ausfiltern und damit ein ausgewogenes Verhältnis von Lichttransmission und Wärmeeintrag erreichen – bei uneingeschränkter Sicht nach draußen und hellen Räumen. Je nach Glasdicke, Beschichtungsart und gewünschter Färbung verfügen moderne Isolierverglasungen mit High-End-Sonnenschutz über unterschiedliche Eigenschaften, die sich optimal an die jeweiligen Bedingungen anpassen lassen. So können sie zusätzlich Schallschutz und Absturzsicherung bieten, plan oder gebogen, farbig, klar oder reflektierend sein sowie verschiedene Größen und Formen haben.

 

Fakten-Check

Bei der Planung von Wohngebäuden kommt angesichts immer heißerer Sommer niemand am Thema Sonnenschutzglas vorbei. Höchste Zeit, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen.

Vorurteil 1: Es gibt nur farbige oder dunkle Sonnenschutzgläser
Sonnenschutzglas bietet heute eine dem klassischen Flachglas ähnliche Transparenz. Auf Wunsch kann es natürlich in der Masse eingefärbt werden.

Vorurteil 2: Sonnenschutzgläser sind viel zu teuer
Im Gegenteil: Sonnenschutzglas ist eine Investition, die sich schnell rechnet, weil es den Energiehunger von Klimaanlagen deutlich reduziert.

Vorurteil 3: Sonnenschutzgläser reflektieren zu stark
Sonnenschutzgläser reflektieren – Wärme. Dafür sind sie da. Im sichtbaren Bereich reflektieren moderne Sonnenschutzgläser dagegen kaum mehr als andere Gläser.

Vorurteil 4: Sonnenschutz braucht man nur auf der Südseite
Zwar ist die Sonnenstrahlung tagsüber am stärksten und ein Hitzeschutz an Südfassaden daher eine gute Idee. Wegen diffuser Strahlung im Norden, tiefstehender Sonne im Westen und morgendlichem Hitzeeintrag aus Osten sind Sonnenschutz- Verglasungen aber auch an anderen Fassaden sinnvoll.

Vorurteil 5: Sonnenschutz ist nur was für südliche Länder
Immer heißere Sommer, immer mehr Aufenthaltszeit im Haus, immer größere Fensterflächen: Längst kommen wir auch in Zentraleuropa und im Norden nicht mehr an Sonnenschutzglas vorbei.

Vorurteil 6: Die Sonnenschutzbeschichtung bringt doch nichts
Doch, im Vergleich zu unbeschichteten Gläsern bringt sie eine ganze Menge. Mit dem g-Wert lässt sich der Gesamtenergie- Durchlassgrad objektiv bestimmen und vergleichen.

Vorurteil 7: Dank Sonnenschutzglas brauche ich keinen anderen Blendschutz
Heute lassen Sonnenschutzgläser viel Licht ins Zimmer. Wer bei direkter Sonneneinstrahlung blendfrei fernsehen oder am PC arbeiten möchte, benötigt daher trotzdem einen zusätzlichen Blendschutz wie Lamellen oder Screens.

Vorurteil 8: Sonnenschutzglas ist doch eher etwas für den gewerblichen Bereich
Gerade im Wohnbau zählt der Aufenthaltskomfort. In Wintergärten und Räumen mit Dachfenstern oder großen Fensterflächen macht Sonnenschutz oft den entscheidenden Unterschied.

Inside

Kleine Kennzahlenkunde

  • g-Wert:
    Gesamtenergie-Durchlassgrad; gibt an, wie viel Sonnenwärme durch das Glas in den Raum gelangt. Der g-Wert sollte bei effizienten Sonnenschutzgläsern zwischen 0,2 und 0,4 liegen.
  • U-Wert:
    Wärmedurchgangskoeffizient; Maßeinheit, die beschreibt, wieviel Energie durch Verglasung (Ug), Fensterrahmen (Uf) und Fenster (Uw)nach draußen entweicht – je niedriger, desto besser.
  • LT-Wert:
    Lichttransmission; benennt den Anteil des Tageslichts, der durch das Glas ins Rauminnere gelangt – sollte möglichst hoch sein, üblich sind 40–80 %.
  • Ra:
    Farbwiedergabeindex; bemisst, wie naturgetreu Farben durch das Sonnenschutzglas zu erkennen sind – Ra-Werte ≥ 90 % bedeuten eine sehr gute Farbwiedergabe.
  • b-Faktor:
  • Beschattungskoeffizient; bezeichnet das Verhältnis vom g-Wert der bewerteten Verglasung zum g-Wert einer Isolierglasscheibe ohne Beschichtung, der mit 80 % angesetzt wird. Entscheidende Größe zur Berechnung der Kühllast und ein Maß der Sonnenschutzwirkung.
  • S:
    Selektivität; gibt das Verhältnis von Lichttransmission (LT) zum Gesamtenergie-Durchlassgrad (g-Wert) an – leistungsstarke Gläser bieten eine Selektivität von ca. 2.