Im Licht des Lebens

Fünfzehn Stationen umfasst der Kreuzweg im niederbayerischen Teisnach. Bei den einzelnen Stationen ist das Zusammenspiel zwischen Objekt und Glas von entscheidender Bedeutung – ebenso wie das Miteinander von Künstler und Glasverarbeiter. Herausgekommen ist ein künstlerisches Werk von außerordentlicher Strahlkraft.

Eine gefallene Figur mit ausgestreckter Hand – ein Bild von Hilfsbedürftigkeit und Verzweiflung. Dahinter auf einer Glasscheibe eine Hand, die Hilfe anbietet, um das Kreuz des anderen mitzutragen. Diese Konstellation bildet die fünfte Station des Kreuzweges Teisnach. Jede dieser Stationen besteht aus einer bronzenen Skulptur auf einem Betonsockel und einer halbtransparenten bemalten bzw. bezeichneten Glasplatte. Begleitet werden die Skulpturen jeweils von einer Meditation, die das entsprechende Thema aufgreift. Am Ende des Kreuzwegs steht das Hauptkunstwerk „Auferstehung“, eine lebensgroße Bronzegussfigur auf einem Betonsockel und vor drei großen, farbig gestalteten Glasscheiben.

Der vom Künstler Alfons Y. Bauernfeind gestaltete Kreuzweg zeigt die vierzehn Stationen von der Verurteilung Jesu bis zur Kreuzigung als modernen Lebensweg und endet mit der Auferstehung als fünfzehnte Station. Alle Skulpturen sind modern und stilvoll gestaltet, sie kombinieren barocke, konkret gestaltete Bronzefiguren oder -objekte mit der Leichtigkeit und Strahlkraft von Glas. Die einzelnen Stationen interpretiert der Künstler auf zeitgenössische Art und ordnet jeder ein Leitmotiv zu. So ist die fünfte Station beispielsweise die künstlerische Umsetzung der Kreuzwegstation „Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen“. Bei Bauernfeind lautet die dazugehörige Meditation „Hilf mir, trage das Leid anderer mit“. Die Hand auf der Glasscheibe symbolisiert sowohl die geistige Welt als auch direkte, menschliche Hilfe. Die Glasscheiben für alle Skulpturen fertigte der GLASSOLUTIONS-Standort und CLIMAplusSECURITPartner Glasverarbeitungsgesellschaft (GVG) Deggendorf in Zusammenarbeit mit dem Künstler, der das Glas teilweise direkt im Werk bearbeitete.

Das große Finale des Kreuzwegs Teisnach bildet die „Auferstehung“. Dabei spiegelt die Figur die reine Seele auf dem Weg zu ihrem paradiesischen Ziel, die sich von der Materie befreit. Das transparente Glas, das den Hintergrund der Figur bildet, spiegelt den Himmel und die Jahreszeiten, Sonnenuntergänge, blauen Himmel oder Wolkenbilder, als Symbol für die Transparenz des Geistes. Die Glasplatten sind mit Sprüchen aus der Bibel und Zitaten großer Philosophen zart mit Bleistift beschriftet. Die Figur aus Bronzeguss ist noch verwurzelt und löst sich langsam, aufsteigend von der Erdenschwere in die geistige Heimat. Das Gewand bildet eine Art Flügel, die dem Himmel entgegenstreben. „Mir war es ein persönliches Anliegen, auch christlich religiöse Kunst zu schaffen, um eben nicht als Buddhist oder Hinduist abgestempelt zu sein“, sagt Alfons Y. Bauernfeind, dessen zweiter Name Yogeshwara, Yogameister, auf seine Beziehung zu den fernöstlichen Glaubensrichtungen verweist. „Meine Interpretation des Kreuzweges als Lebensweg hat bereits viele Menschen positiv berührt. Meine Auffassung von Spiritualität bewegt sich außerhalb von Institutionen oder Kirchen“, so Bauernfeind.

Motive mit Tiefenwirkung
Um die besondere halbtransparente und plastische Wirkung der Glasbilder zu erzielen, verarbeitete die GVG Deggendorf die bedruckten Scheiben zunächst zu Verbundsicherheitsglas. Anschließend wurden sie mit einer weiteren Glasscheibe im Abstand von 2 cm zusammengefügt. Für das Glas-Triptychon des Hauptmotivs malte und zeichnete Bauernfeind die Motive im Werk direkt auf das Glas. Bei den kleinen Glasbildern erstellte Bauernfeind die Motive zunächst separat, bevor sie mittels keramischen Digitaldrucks (PICTUREit) auf das Glas aufgebracht wurden. Der Künstler wollte die kleineren Glasplatten ursprünglich siebbedrucken lassen, erste, bei einem anderen Unternehmen gefertigte Muster zeigten aber nicht das gewünschte Ergebnis. So wandte er sich an die GVG Deggendorf, wo die Glasscheiben digital bedruckt wurden. Die Umsetzung überzeugte: Die fotorealistisch wirkenden Motive auf Glas entfalten in Kombination mit den Bronzeobjekten und den wechselnden Lichtverhältnissen an ihren jeweiligen Standorten eine faszinierende Wirkung.

Der Kreuzweg in Teisnach ist ein beeindruckendes Beispiel für die kreative Realisierung eines anspruchsvollen Projektes, das erst durch die Zusammenarbeit aller Beteiligten möglich wurde. Auch für Rafael Niestroj, Vertriebskoordinator bei der GVG Deggendorf, kein alltägliches Vorgehen: „Wir sind es gewöhnt, auch ungewöhnliche Wünsche unserer Kunden umzusetzen. Dass ein Künstler direkt bei uns im Werk seine Kunst aufs Glas bringt, war aber auch für uns neu.

Foto: © www.mediaatelier.de

  

SIE MÖCHTEN MEHR LESEN?

Dann bestellen Sie jetzt hier kostenlos die vollständige Ausgabe!