ZEITSTRAHL HINTER GLAS

Am Ehrenmal der Bundeswehr auf dem Areal des Verteidigungsministeriums in Berlin-Tiergarten wird der Angehörigen der Bundeswehr, die in Ausübung ihres Dienstes ums Leben gekommen sind, gedacht. Im Mai 2018 eröffnete der Raum der Information als städtebauliche und architektonische Ergänzung zum bestehenden Gedenkort.

In enger Nachbarschaft zum Ehrenmal der Bundeswehr ist in einem Neubau der Raum der Information entstanden. Das eigenständige Bauwerk bildet mit dem Ehrenmal eine inhaltliche Einheit. „Wir haben von Anfang an den Spagat gesucht zwischen Anlehnung und Abgrenzung an das Ehrenmal“, so Architekt Karsten Ruf bei der offiziellen Einweihung des Raums der Information durch Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. So übernahmen die Architekten die Gebäudetiefe und die Materialität des Ehrenmals, den Sichtbeton. Hat das Ehrenmal eine perforierte Fassade, also eine transparente Wirkung nach außen, entschieden sich TRU Architekten Berlin in diesem Fall für geschlossene Außenwände in Sichtbetonanmutung. Hauptlichtquelle ist eine Dachträgerstruktur aus weißen Sheddächern, um natürliches Licht von Norden in den Ausstellungsraum zu lassen. Außerhalb des Dachs sind zwei Innenhöfe eingeschnitten: der zur Straße und zum Paradeplatz hin offene Eingangshof und der am anderen Ende des Bauwerks gelegene Innenhof. Der Ausstellungsraum wird durch zwei quergestellte Einbauten gegliedert.

Der Raum der Information befindet sich wie das Ehrenmal der Bundeswehr in der Hildebrandstraße in Berlin Tiergarten. Er kann sowohl von dort als auch vom Paradeplatz des Bundesministeriums der Verteidigung aus wechselseitig betreten werden und befindet sich damit auf der Schwelle zwischen der Bundeswehr und dem öffentlichen Raum. Den Besucherinnen und Besuchern werden im Raum der Information sowohl die Entstehungsgeschichte des Ehrenmals als auch seine Formensprache und Symbolik erläutert. Für die Angehörigen der Bundeswehr soll mit diesem Raum der Information darüber hinaus ein Beitrag zur politisch-historischen Bildung sowie zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege geleistet werden. Die Hinterbliebenen der gefallenen Soldatinnen und Soldaten sollen beim Besuch dieses Informationsortes eine Hilfe zum Verständnis erhalten, in welchem sicherheitspolitischen Umfeld und unter welchen grundsätzlichen Auftragsbedingungen ihre Angehörigen ihr Leben verloren haben. Darüber hinaus bietet der Ort ein erstes Informations- und Erklärungsangebot über die Bundeswehr, ihre Kernaufträge und den besonderen Dienst der Soldaten.“

Ausstellung Zeitstrahl
Die Ausstellung selbst gliedert sich in drei Bereiche: Im kleinen Eingangsbereich finden die Besucher Zitate über die gesellschaftliche Bedeutung des Ehrenmals. Im Hauptraum zeigt der sogenannte Zeitstrahl auf hinterleuchteten Glasbändern einen chronologischen Abriss der Geschichte der Bundeswehr, einzelne Unglücksfälle und die unterschiedlichen Formen des Gedenkens durch die Zeit. Mit Texten, Fotos und Videos werden die Besucher über die seit der Gründung der Bundeswehr getöteten Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten und über die unterschiedlichen Todesursachen informiert, so zum Beispiel über den Transall-Flug im Jahre 1975, bei dem die Bundeswehrmaschine mit einem Berg auf Kreta kollidierte und 42 Soldaten starben, oder den Bombenanschlag auf Bundeswehr-Soldaten in Kabul im Jahre 2003, bei dem vier Soldaten starben und 29 verletzt wurden. Die ausgestellten Module sind für Taube und Schwerhörige barrierefrei, mit Gebärdensprachvideos und Untertiteln. Die Videos werden abgespielt, wenn ein bestimmter Knopf unter dem Monitor gedrückt wird. Der abschließende Raum mit Blick zum Innenhof auf eine mehrstämmige Hainbuche enthält Hörstationen mit Stimmen von Hinterbliebenen und ist ein Ort der Information und Kontemplation gleichermaßen.

Konstruktion der Glasbänder
Die Ausstellungsflächen bestehen aus Glasbändern, die aus 24 Einzelscheiben montiert sind. Diese sind jeweils 1.245 mm × 1.408 mm groß und als Verbundsicherheitsglas STADIP VISION-LITE 66.2 aus zwei extraweißen Scheiben SGG DIAMANT gefertigt. Der CLIMAplusSECURIT-Partner und Saint-Gobain GLASSOLUTIONS-Standort Deutsche Glas Berlin-Brandenburg GmbH lieferte das Glas an Bayer Glasbau, der die Elemente veredelte. „Für den Zeitstrahl mussten wir hypergenau mit einer Toleranz quasi gen Null arbeiten“, beschreibt Martin Ziegler von der DG Berlin-Brandenburg das höchst anspruchsvolle Projekt. Die Displays sind mit LEDs hinterleuchtet, die eine bestimmte KW-Anzahl Wärme produzieren, so dass für eine großflächige Durchlüftung im Rahmen gesorgt werden musste. Und das Licht durfte keine Streifen werfen. „Die Architekten wollten, dass die Displays wie schwebend wirken, also dass die Besucher die Befestigung nicht sehen. Zudem sollte man die Medientechnik hinter den Scheiben problemlos warten können“, ergänzt Karl-Heinz Bayer von Bayer Glasbau. Der Glas nach Maß-Partner aus Berlin baute deshalb bereits im Vorfeld mehrere Muster, zum Teil auch schon mit gedruckten Folien, unter anderem im Rohbauzustand des Raumes der Information vor Ort ein 1:1-Modell mit drei Glaselementen und LEDs. „Dort haben wir dann gesehen, dass die 4 mm breite Fuge zwischen den Gläsern, die ursprünglich transparent geplant war, Lichtstreifen warf. Unsere Lösung war, die Fuge in schwarz auszuführen und 10 cm hinter dieser einen mattierten Plexiglasstreifen zu hängen, der die Korona wegfiltert“, so Karl-Heinz Bayer. Anspruchsvoll sind auch die Einfassungen mit Winkelprofilen: „Die Profile mussten im absolut gleichen Abstand ausgerichtet sein, damit die Besucher der Ausstellung keinerlei Höhen- oder Tiefenversetzungen in den Glasbändern sehen. Ich habe deshalb eine Befestigungskonstruktion aus filigranen Edelstahlprofilen, die in einer Montageschablone mit DC 993 verklebt wurden, entwickelt“, erläutert Bayer. Die mehrlagigen Folien aus einer fotorealistisch bedruckten, einer weißen und einer kupferfarbenen Schicht stellte Hruby Werbetechnik GmbH aus Berlin her und beklebte damit die gelieferten Einzelscheiben. „So ein Projekt hat man nicht alle Tage, und wenn dann das Resultat alle Beteiligten – und es waren viele – zufriedenstellt, dann freut man sich natürlich“, so das Fazit von Karl-Heinz Bayer.

Baustein der Erinnerungskultur
„Der Umgang mit dem Tod ist schwierig“, sagte Jutta-Kathrin Pauli, deren Sohn in Afghanistan von einem Selbstmordattentäter getötet wurde, am Einweihungstag. Das 2009 eingeweihte Ehrenmal verdeutliche, wie viele Menschen für ihr Land gestorben seien – die Frage nach dem Warum hingegen sei bislang nicht beantwortet worden. „Die Toten sind es aber wert, dass Antworten auf diese Frage gegeben werden“, sagte Pauli. Dafür brauche es den Raum der Information. Er sei ein wichtiger Baustein in der Erinnerungskultur der Bundeswehr.

Foto: © Bundeswehr/Andrea Bienert

  

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